Literarischer Späti

Schreiben lernt man durchs Schreiben und so ist es wenig verwunderlich, dass die meisten meiner Texte unveröffentlicht in der digitalen Schreibtisch-Schublade verschwinden. Doch ab sofort ist der Literarische Späti eröffnet und ich werde in unregelmäßigen Abständen alte und neue Texte veröffentlichen.

  • Geschrieben am….

    Text vom 27.01.2024

    Anarchie und Gesetz

    Der Späti konnte nur noch wenige Meter entfernt sein und so wurde es zunehmend schwerer mich
    durch die schier endlosen Massen an immer aggressiver werdenden Menschen hindurch zu
    kämpfen. Doch obwohl die Gewalt immer weiter zu eskalieren schien, empfand ich keinerlei Angst.
    Vielmehr beschäftigte mich ein gewisses Interesse an der hauchdünnen Decke unserer Zivilisation,
    die immer weiter zu zerbrechen schien. Doch der Moment ließ es nicht zu, derartige Betrachtungen
    zu vertiefen und während ich noch grübelte, verlieh ein Stein, welcher die dünne Scheibe des
    Geschäftes in tausend Teile zerbersten ließ, meinen weltfremden Gedanken, den nötigen
    Nachdruck.
    Schnellen Schrittes und beflügelt von dem Selbstbewusstsein, welches einem nur eine vor nichts
    zurückschreckende, enthemmte Masse verleihen kann, trieb es mich vorbei an dem kleinen
    Eingangsbereich direkt hinein in das Lager, wo ich zu meinem großen Glück noch einige Flaschen
    Bier vorfinden konnte. Die erste Flasche befreite ich ohne weitere Mühen von ihrem Kronkorken
    und nahm einen großen Schluck, zur Besänftigung meines gereizten Gemüts, zwei Weitere ließ ich
    in meinen Taschen verschwinden, doch die schmerzerfüllten Schreie und das zerklirrende Glas,
    gaben mir zu verstehen, dass ich meinen Aufenthalt im Auge des Sturms, wohl nicht all zu sehr
    strapazieren sollte. Ich hatte mich gerade umgedreht da kam ein Anfang Zwanzigjähriger mit einem
    Messer auf mich zu, der Wahnsinn war ihm ins Gesicht geschrieben. Doch während ich noch wie
    erstarrt vor ihm stand, rammte ein anderer ihm eine abgebrochene Bierflasche in den Rücken, biss
    ein blutiges Stück von seinem Ohr ab und trat ihm mit voller Kraft an den Hinterkopf. Noch immer
    nicht in der Lage adäquat zu handeln, schloss ich innerlich schon mit meinem Leben ab, als mein
    Blick nun die starren Augen des Hinteren traf und der tiergleiche Ausdruck seines Gesicht, mir zu
    verstehen gab, dass sein nächstes Opfer, zu meinem Bedauern, ich war. Danach ging es schlag auf
    schlag, wie es schien, hatte der Blutrausch alle Besucher des Spätis fest in seiner Hand. Wo man
    auch hinsah, floss rostfarbenes Blut, Glas schnitt durch zitternde Haut und die Symphonie der
    Qualen durchdrang mein Trommelfell, wie ein spitzes Ventil. Die Schreie, eines jungen Mädchen,
    waren die erste Violine.
    Feuerwerkskörper, brennende Barrikaden, leidvolles Stöhnen. Der Marktplatz hatte sich in ein
    Schlachtfeld verwandelt und ich stand kurz davor, von den sich entladenden Gewittern zu verrieben
    zu werden. In einer Gasse sah ich wie eine Horde Männer ein junges Mädchen vergewaltigten.
    „Hey! Aufhören!“, schrie ich so laut ich konnte, doch eine auf mich gerichtete Pistole, erstickte
    meine Courage im Keim. Also machte ich kehrt, rann ein paar Schritte, versteckte mich hinter
    einem Auto und drehte mir eine Kippe. Gespielt selbstbewusst, doch ohne ein klares Ziel vor
    Augen, setze ich einen Fuß vor den anderen, bis ich einen kleinen Hang erreichte und weit und breit
    keine Menschen Seele mehr erblicken konnte. Durch die Baumkronen erblickte ich eine winzige
    Siedlung und da in einem der Häuser kein Licht brannte, beschloss ich es zu meinem Versteck zu
    machen, bis sich der Wahnsinn legen würde, wie es ihm die Vernunft schon so oft vorgemacht hatte.
    Auf halber Höhe, sah ich zu meiner linken eine riesige Bühne, welche von einem Gitarristen
    beherrscht wurde, der die zehntausenden Fans, fest in seiner Hand zu haben schien. Die Schreie und
    das Gegröle, welche ich aus dieser Richtung vernahm, erschienen mir zwar alles andere als
    bedrohlich und doch wollte ich nichts riskieren.
    Mit einem Tritt öffnete ich, die leicht morsche Kellertür des Hauses und schlich mich eine kleine
    Treppe hinauf in das verkomme Wohnzimmer dieser anmutigen Baracke. Ich fühlte mich hin und
    her gerissen, ob ich die Lichter entfachen oder den Vorteil der Dunkelheit für mich nutzten sollte
    und entschied mich für das Letztere.
    Die Stunden vergingen und nachdem ich meinen bescheidenen Biervorrat geleert hatte und mein
    schier unbändiger Durst auch die Reserven des Hauses verbraucht hatte, begann es schon leicht zu
    dämmern. Da hörte ich plötzlich Schritte auf der Kellertreppe und eh ich mich versah, spürte ich die
    schmerzhafte Erfahrung einer Messerklinge in meinem Arm. Das Adrenalin durchströmte meinen
    Körper und diesmal erstarrte ich nicht, mein Körper handelte ganz von allein. Als der Körper
    meines Angreifers auf den Boden sank, war das erste, was ich bewusst war nahm, das Blut an der
    Flasche in meiner Hand.


    „Wie Sie sehen meine sehr geehrte Damen und Herren, haben wir es hier mit einem durch und
    durch verdorbenen Menschen zu tun. Wir reden hier nicht über Kavaliersdelikte. Unsere Simulation
    konnte klipp und klar beweisen, dass sich unser Angeklagter, sollte unsere geschätzte Gesellschaft
    auch nur für einen Moment schwächeln, an Diebstahl, Hausfriedensbruch bis hin zum Totschlag
    beteiligen würde. Auch die fehlende Solidarität und das Mitgefühl, welcher er zuvor versucht hatte
    zu beteuern, blieb im Augenblick der Wahrheit aus. Mehr denn je, plädieren wir hiermit auf eine
    Verurteilung.“
    „Einspruch euer Ehren! Auch wenn diese KI-gestützte Praxis zur Simulation einer
    Ausnahmesituation, seit einigen Monaten auch hier in Deutschland legalisiert wurde, so finden wir
    dennoch im Gesetzestext, die Weisung, dass sie nicht als alleiniges Beweismittel bezüglich der
    charakterlichen Tauglichkeit zu Rate gezogen werden darf.“
    „Einspruch abgelehnt. Sie müssen mir die Gesetzte nicht erklären, glauben Sie mir, ich bin nicht
    ohne Grund Richter geworden. Viel mehr würde mich interessieren, wie sie das Verhalten Ihres
    Klienten rechtfertigen wollen.“
    „Bei allem nötigen Respekt, aber diese Erfassung ist Wahnwitz! Mein Klient trank, weil er Durst
    hatte, er nutze ein leerstehendes Haus, weil er Schutz brauchte und verteidigte sein Leben, als es
    darauf an kam!“
    „Ihr Klient, bereicherte sich an dem Besitz eines aufrichtigen Unternehmers, um den sinnlosen
    Exzess und dem Luxus zu frönen. Er drang unbefugt in fremdes Eigentum ein, nur weil er dachte, in
    einer Nacht wie dieser würde er schon nicht belangt werden. Und statt der Flucht wählte er die rohe
    Gewalt. Wie sollen wir wissen, ob dieser wegen seiner Straftaten vor Gericht stehende Mann, nicht
    schon am Morgen seines Freispruchs, fremdes Eigentum okkupiert und jede noch so kleine
    Gelegenheit nutzt, sich selbst an der Schutzlosigkeit Anderer zu bereichern. Euer Ehren, erlauben
    sie mir diese kleine Bemerkung, aber die Art und Weise wie die Verteidigung, die Erkenntnisse
    unserer Erhebung herunter spielt, zeugen von einem grotesken Verständnis unserer freiheitlich,
    demokratischen Grundordnung. „
    „Ich bitte Sie diese Mutmaßungen und persönlichen Diffamierungen der Verteidigung zu
    unterlassen! Kommen wir wieder zurück, zu unserem eigentlichen Thema. Sagen sie, wie erklären,
    sie sich die fehlende Solidarität, welcher Ihr Klient in einem Moment der größten Not an den Tag
    legte?“
    „Ich bitte Sie! Wir haben alle gesehen, dass er versuchte, der jungen Frau zu helfen! Ist das etwa,
    was einen guten Menschen auszeichnet? Solidarisch und doch sinnlos, sein Leben zu lassen, nur um
    als Held zu sterben? Ein leerstehendes Haus, verrotten zu lassen und sich schutzlos der Nacht
    ausliefern? Mein Klient,stahl das Bier nicht aus Gier, sondern, weil es ihm zustand. Er half der Frau
    nicht, nicht weil sie ihm egal war, sondern weil es seinen Tot bedeutet hätte. Er drang nicht aus
    Neid, in das Haus ein, sondern weil es ihm Schutz bot und er verteidigte sein Leben, als es sein
    letzter Ausweg schien.“
    „Doch was ist mit dem Schnaps, der sich in dem Haus befand? Welche edle Motive, können sie hier
    unterstellen? Was für sozialistische Träume, werden sie nun bemühen, um das Offensichtliche zu
    verhüllen?“
    „Die Fragen stellt immer noch der Richter! Aber nur zu, beantworten Sie seine Frage!“
    „Was ist schon eine halbe Flasche Gin, wenn man Besitzer eines Hauses ist? Was stören, drei
    Flaschen Bier, wenn der Laden in Schutt und Asche liegt. Sie verlangen von den Geringsten das
    Höchste und dulden von den Reichsten das Mindeste! Sie fragen immer, was wäre und sehen selten,
    was ist.“
    „Das ist ihr letztes Wort?“
    „Ja, euer Ehren.“
    „Hiermit verurteile ich den Angeklagten, wegen Diebstahl und Erschleichung von Leistungen, zu
    sieben Jahren Haft ohne Bewährung und verschiedenen mit der Haftanstalt abgestimmten
    Maßnahmen zur charakterlichen Weiterentwicklung. Aufgrund unzureichender Beweise, wurde eine
    Simulation zur Feststellung charakterlicher Eignung hinzugezogen“

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