Literarischer Späti
Schreiben lernt man durchs Schreiben und so ist es wenig verwunderlich, dass die meisten meiner Texte unveröffentlicht in der digitalen Schreibtisch-Schublade verschwinden. Doch ab sofort ist der Literarische Späti eröffnet und ich werde in unregelmäßigen Abständen alte und neue Texte veröffentlichen.
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Geschrieben am….
Text vom 17.04.2023
Die Treppe zum Himmel
Es war einmal ein Junge, der lebte in einer kleinen Hütte auf einem Berg. Er war als mittleres Kind einer großen Familie geboren worden und solange er denken konnte, war er zuhause stets von unterschiedlichsten Geräuschen umgeben. Das Gekicher und Geschnatter seiner Schwestern, das Pfeifen des Kessels auf dem Herd, das Bellen des Hundes und nachts das Schnarchen einer siebenköpfigen Familie. Die Tage verbrachte der Junge oft damit über die weiten Wiesen der Gebirgslandschaft zu streifen. Nur dann konnte er seinen Gedanken freien Lauf lassen und ein wenig zur Ruhe kommen. Zur Mittagszeit legte er sich mit dem Kopf auf einen Stein, das sanfte Gras kitzelte seine unbedeckten Arme, die milde Sonne wärmte seine junge Haut und mit dem Hut über den Augen, sang ihn der Wind in einen leichten Schlaf. Er träumte von einem Bett in den Wolken, mit einer Decke so weich und kuschelig wie seine Kindsbettwiege, umgeben von einer nie da gewesenen Stille. Doch das Grollen eines auf ziehenden Gewitters versetze ihn in Angst und Blitze schnellten wie Schüsse durch die milchigen Wände seines Traumgebildes. Schon fielen auch die ersten Regentropfen und die plötzliche Kälte erlöste den Jungen aus seinem zunehmend beunruhigenden Traum. Schnell packte er seine sieben Sachen und rannte nach Hause. Als er dort ankam, war er durchnässt, aber wach.
Auch am Abend hatte es noch nicht aufgehört zu regnen. Und während, seine Familie schon schlief und das allabendliche Orchester aus Schnarchen, Schniefen und Husten ihm mal wieder vom Schlafen abhielt, dachte er erneut an seinen Traum. Es war so unendlich friedlich gewesen, dort oben im Palast der Wolken, dort würde er die Stille und Erholung bekommen, welche er so dringlich gebrauchen konnte. Dachte er während ihm die Gewalt des Himmels, durch ihre göttliche Kraft, das Gegenteil bewies. Donnern, Grollen und Blitze, erfüllten die Nacht mit ihrem Lärm und erst nach Stunden, in denen sich der Junge umher-wälzte, wiegte ihn das stetige Trommeln, des Regens in einen unruhigen, traumlosen Schlaf.
Der Regen hielt mehrere Tage an und die Unzufriedenheit des Jungen vertiefte sich, wie seine Augenringe. Seinen kleinen Geschwistern fehlte das Toben an der frischen Luft und der Junge wurde das Gefühl nicht los, dass es von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde lauter wurde, in ihrem kleinen Zuhause. Er konnte nicht lesen, er konnte nicht spielen, er konnte nicht einmal nachdenken, so unruhig und unkonzentriert fühlte er sich mittlerweile.
Nach und nach bekam er Kopfschmerzen und wurde zunehmend dünnhäutiger, seine Antworten wurden harsch und obwohl er das nicht wollte, reagierte er immer wieder über.
Als es nach fast einer Woche aufhörte zu regnen, hatte er es so eilig wie noch nie. Die ganze Familie strömte nach draußen an die frische Luft und jedem von ihnen fiel ein Stein vom Herzen. Weiter und weiter lief der Junge hinaus in die endlose Freiheit der Berge und auch wenn die Vögel das sonnige Wetter besangen und der Wind seine Melodie pfiff, so war diese Geräuschkulisse, nur ein Flüstern im Vergleich zu dem metaphorischen Heavy Metal Konzert, welchem er endlich entronnen war. Und plötzlich fand er sich an dem Ort wieder, an dem er so schön geschlafen hatte, bevor der Himmel sich öffnete. Es war eine zugegebener maßen naive Idee, welche vor allem durch seine Erschöpfung und den Schlafmangel der letzten Tage zu erklären war, doch er legte sich an die selbe Stelle, wie vor ein paar Tagen und dachte beim Einschlafen an nichts Anderes als sein Bett in den Wolken.Als er aufwachte, begann es gerade zu dämmern. Die warme Sonne des Tages war verschwunden und hatte es in der kurzen Zeit ihrer Präsens nicht geschafft den Boden zu erwärmen. Etwas verschlafen stolperte der Junge ein paar Schritte nach vorn. Doch dann entdeckte er Etwas, das ihn an seinen Sinnen zweifeln ließ. Er senkte den Kopf, verweilte für einige Sekunden in dieser Haltung, rieb sich die Augen und blickte erst dann wieder nach oben. Doch die Erscheinung war noch immer nicht verschwunden. Direkt vor ihm befand sich eine prunkvolle Treppe aus weißen Wolken, welche direkt in den Himmel führte. Gepackt von der Schönheit dieses Gebildes und gelockt von der Sehnsucht nach Ruhe und Harmonie, zögerte der junge Bursche nicht lang und setzte den ersten Schritt vorsichtig und mit der Gewissheit, dass die Treppe verschwinden würde auf die erste Stufe. Doch das Gebilde aus Wolken, schien stabil zu sein. Stufe für Stufe, ein Fuß nach dem anderen führte ihn sein Weg nun weit hinauf in den Himmel und mit jedem Meter fühlte er sich sicherer. Irgendwann konnte er die Berge und Wiesen nur noch erahnen, so weit war er nun entfernt von alledem, als die Treppe plötzlich ihr Ziel erreicht hatte und er den Palast der Wolken erblickte. Es war ein monumentaler,ehrfurchterregender Ort von ungeahnter Schönheit. Riesige Türme mit fein gestalteten Zinnen umgaben ein Schloss, welchen vor Kuppeln, Fenstern und Geheimnissen nur so strotzte. Mit wachsamen Blick lief der Junge über den menschenleeren Vorhof hinein zu dem Eingangstor des Palastes, welches sich zu öffnen begann, um ihn den Zugang zu gewähren. Zu seiner Überraschung, war auch hier Niemand zu sehen, nur ein einzelner Stuhl, vor einem kleinen Tisch, welcher gefüllt war mit den leckersten Speisen und Getränken, welche sich der Junge nur wünschen konnte. Frischer Orangensaft, Pfannkuchen mit Apfelmus und Schlagsahne, Schokoladen-Pudding mit Vanillesoße ließen kaum Platz auf dem Tisch. Nur ein kleiner Zettel mit seinem Namen, hatte noch einen darauf gefunden. Natürlich setzte er sich sofort auf den Stuhl und begann zu schlemmen. Schließlich wurde er ja dazu eingeladen.
Nach dem Essen wurde der Junge sehr müde und entschloss sich einen kleinen Verdauungsspaziergang, bei dem er das Schloss weiter erkunden würde, anzutreten. Er lief mal da, mal dort entlang und bestaunte die vielen Details und Geheimnisse dieses merkwürdigen Ortes. Skulpturen aus Wolken, an manchen Stellen der Wände hingen Bilder und Gemälde, die so echt wirkten, als würde nur ein Stück der Wand fehlen und das Motiv wäre tatsächlich dahinter. Ein Zimmer war voller Musikinstrumente und Notenblätter, ein anderes war gefüllt mit leeren Leinwänden und Regalen voller unterschiedlicher Pinsel und Farben. Irgendwann entdeckte er auch eine Bibliothek mit langen Gängen voller Bücherregale und er nahm sich mal dieses, mal ein anderes Buch und sie alle erschienen spannend oder interessant. Er setzte sich in einen der extrem bequemen Sessel und begann zu lesen bis ihm die Augen fast zu fielen. So wie er allerdings aufstand und sich entschloss den Nachhauseweg anzutreten, so entdeckte er schon wieder die nächste Tür. Diesmal befand sich ein Himmelbett dahinter und ohne lang zu überlegen legte sich der Junge hinein und fiel in einen festen, traumlosen Schlaf.
Am nächsten Morgen weckte ihn eine Stimme so sanft der Frühling selbst, er spürte ein zartes Streicheln einer weichen Hand auf seiner Wange und ein wohliger Geruch umkitzelte seine Nase. Noch bevor er die Augen öffnete wurde ihm bewusst, dass diese Stimme das erste Geräusch war, welches er hören konnte, seit er das Schloss betreten hatte und dass es gut tat, etwas, wenn auch noch unbekannte Gesellschaft zu haben. Also rieb er sich durch die Augen und sah vor sich eine Frau so schön wie die Götter selbst. Ihre Gesichtszüge waren anmutig, ihr Lächeln war sanft und gutmütig und ihre langen goldenen Haaren hingen ihr bis zu den Hüften.
„Hallo, mein Schöner. Ich bin Aeritraema die Göttin der Träume und der Erholung.“, sagte die Frau in ihrer sanften, umschmeischelnden Stimme
„Hallo“, entgegnete der Junge und kam sich etwas dumm vor, weil er nicht recht wusste, was er einer Göttin schon zu sagen hatte.
„Ich habe dir diesen Ort in deinen Träumen schon einmal gezeigt und du hast dir gewünscht hierher zurück zu kehren. Natürlich habe ich gespürt, wie sehr du dich nach Erholung und Schlaf sehnst, darum habe ich dich zu mir eingeladen. Um dir einen Gefallen zu tun, aber auch um dir ein Angebot zu machen. Wenn du möchtest, darfst du hier einziehen und gemeinsam mit mir den Palast der Wolken bewohnen. Du kannst lesen und malen so viel du möchtest, du kannst Instrumente erlernen ohne dabei gestört zu werden und darfst essen was du möchtest. Wie du schon gemerkt haben solltest sind wir hier umgeben von Stille und wir selbst können entscheiden, ob wir es dabei belassen und uns den Raum zum nachdenken nehmen oder ob du Trompete spielen willst und die Töne auf ihre Reise durch den Himmel schicken möchtest.“
„Aber was ist mit meiner Familie?“, erwiderte der Junge.
„Dieser lärmende, geschwätzige Haufen? Ich kenne deine Träume, ich kenne deine Wünsche und ich weiß, dass du nur deine Ruhe und etwas Abstand von ihnen haben möchtest.“
„Ich werde sie also nie wieder sehen?“
„Nein, wenn du bei mir bleiben möchtest, wirst du auf sie verzichten müssen. Wären Besucher an diesem Ort gestattet, wäre es wohl kaum möglich die verzückende Stille dieser Hallen zu erhalten“, Aeritraemas Stimme blieb so sanft und klar, wie eh und eh. Kein sarkastischer Unterton, keine Scharfzüngigkeit. Der Junge hatte ein Angebot bekommen und konnte sich dafür oder dagegen entscheiden. In beiden Fällen müsste er die Konsequenzen selbst tragen. Er dachte an das Schniefen und Schnarchen am Abend, an die endlosen Stunden in denen er vom Schlafen abgehalten wurde. Er dachte an die Momente, in denen die kreischenden Stimmen seiner streitenden Schwestern ihn vom Lesen abhielten und an das laute Gequassel seiner Familie, welches ihm vom Lernen abhielt. Doch dann dachte er an die wunderschönen Schlaflieder seiner Mutter, welche sie seinen Schwestern vorsang und von denen er behauptete er wäre zu alt dafür, um trotzdem gespannt zu lauschen. Er dachte an die Gespräche mit seinen Brüdern und die Weisheiten, welche sie mit ihren Stimmen sprachen, welche so viel tiefer als die seine waren. Er dachte an die aufmunternden Worte seines Vaters und an das Gefühl, dass er spürte, wenn seine kleine Schwester ihm sagte, dass sie ihn lieb hatte.
Und schon war seine Entscheidung getroffen. Er bedankte sich bei der Göttin und lehnte ihr Angebot ab, die Stille konnte er in den Bergen finden, doch das Lachen und Singen, die Worte des Trostes und des Stolzes, die würde er hier nie vernehmen. Also beugte sich Aeritraema über den Kopf des Jungens und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Als er die Augen wieder öffnete, war es der selbe Nachmittag und der selbe Stein auf dem er sich nieder gebettet hatte. Also lief er zurück zu der Hütte, spielte mit seinen Schwestern und gestand seiner Mutter am Abend, dass auch er ihre Schlaflieder noch immer liebte.
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