Literarischer Späti

Schreiben lernt man durchs Schreiben und so ist es wenig verwunderlich, dass die meisten meiner Texte unveröffentlicht in der digitalen Schreibtisch-Schublade verschwinden. Doch ab sofort ist der Literarische Späti eröffnet und ich werde in unregelmäßigen Abständen alte und neue Texte veröffentlichen.

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    Text vom 08.10.2020

    Das falsche Wunderland

    Frenchkicks, übersteuerte Snares, flackerndes Licht – mit 180 BPM lockt der
    Sirenengesang des Tekk-Bunkers die bunt gekleideten, ferngesteuerten Zombies in sein
    Reich. Eine ganze Generation, gezeichnet von psychischen Problemen, der Sehnsucht
    nach etwas Neuem und der Bedeutungslosigkeit, treibt es hin zum Loch des weißen
    Hasen, aus der falschen Plastikwelt
    hinein in das falsche Wunderland. Wir haben alles was wir brauchen und noch viel mehr:
    geniale Erfindungen, Erkenntnisse, Maschinen. Wir leben in Utopia und keiner ist
    glücklich.


    Gierig inhaliert er den schwarzgrauen Rauch. Immer wieder führt er einen Kaffeebecher
    an seinen Mund und trinkt einen kleinen Schluck. Sein Blick ist währenddessen
    durchgehend auf sein Smartphone fokussiert. Obwohl sein Magen durch den gestrigen
    Exzess noch völlig verbittert und sauer ist, fühlt er sich dazu verpflichtet, seinen Morgen
    mit den alltäglichen Giften zu beginnen.


    Ein Rausch wie der Hochzeitstanz mit der Freiheit. Das sich immer weiter im Körper
    verteilende Kribbeln, Pulsieren, das Gefühl der Wärme; der Vermählungskuss. Dieser
    vierstündige Orgasmus, welcher den Bunker zum Palast und die bleichen,
    ausgemergelten Gestalten zum Adel erhebt.
    Eine Droge mit der man die ganze Nacht leiden, kotzen und zittern kann und nach der
    man sich kurz darauf wieder sehnt.
    Die echte Liebe in ihrer falschen Form.


    Das als halbwegs glamouröses Sektfrühstück getarnte Einverleiben der mittlerweile dritten
    Substanz, ist zwar noch nicht zur Gewohnheit geworden, doch zumindest zur gewohnten
    Ausnahme. Erst wehrt sich der Körper gegen das Gift, mit dem er eigentlich noch zu
    kämpfen hat, dann beruhigt sich alles und das Unwohlsein, welches auf dem besten Weg
    dazu war, sich zu einen Kater zu entwickeln, weicht hinfort. An seine Stelle tritt die
    gewünschte Taubheit.


    In der echten Welt will sich deine Freundin umbringen. In der echten Welt brennt der
    Regenwald. Der Fluchtweg ist mit einer hellen Warntafel beleuchtet.
    Warum die Realität ertragen? Wir nehmen die rote Pille und denken nie wieder an die
    Wahrheit.


    Bevor er das Haus verlässt, kontrolliert er noch kurz seinen Briefkasten. Eine alte
    Gewohnheit aus den Zeiten, in denen er, trotz unserer zahlreichen modernen Medien,
    noch einen Briefwechsel mit seinem besten Freund geführt hatte. Sein Freund hatte
    damals versucht von den Drogen weg zu kommen und da das geschriebene Wort viel
    emphatischer, vor allem niemals urteilend war, wählten sie diesen Weg. Er konnte sich
    noch genau daran erinnern, an die Angst, jedes Mal, bevor er den gerade angekommenen
    Brief gelesen hatte. Die allseits präsente dunkle Vorahnung, die Situation könnte ihm,
    doch vor allem seinem Freund entgleiten.


    Eine ganze Subkultur, errichtet auf dem Altar der Drogen, geschmückt mit Filmzitaten, die
    der Wirklichkeit ein Gewand, dem Abgrund einen Filter verleihen.
    Eine in sich geschlossene Welt, in der die Uhren anders ticken, in der Gut und Böse
    verschwimmen und das Alter keine Rolle spielt. Jeder kann teilhaben. Es wurden
    unzählige Einladungen versandt, ohne Angabe eines Empfängers. Deine Herkunft, dein
    Aussehen, dein Geschlecht sind hier nicht relevant. Wichtig ist, dass deine Musik die
    Fäden der Marionetten zu fassen bekommt und der Tanz niemals endet. Wichtig ist, dass
    du die Schwingungen erkennst und dich wertfrei in die Strömung des Einklangs stürzt.


    Er war auf dem Weg zu einem alten Schulfreund, bei dem er regelmäßig sein Gras holte.
    Einer dieser Typen, die sich so fürchterlich viel darauf einbilden, Kriminelle zu sein und am
    Ende trotzdem draufzahlen müssen, weil sie zu wenig verkauft und zu viel geraucht
    haben. Schon in der Schule lief er der von Hollywood und Gangster-Rappern
    geschaffenen Illusion eines coolen Crime Lifes hinterher. Die Gespräche würden wie jedes
    mal inhaltslos ablaufen. Nicht so schlimm in einer Beziehung, die durch Drogen, nicht
    durch Interessen, getragen wird.


    Ohne viel Smalltalk setzten sie sich auf seine Couch und er griff nach der Bong. Der
    Rauch brannte abscheulich in seiner Lunge und wie so oft, fing er erbärmlich an zu
    husten. Der Stoff wirkte sofort, aber irgendwie war es anders als sonst. Unangenehmer. Er
    stand kurz auf, um sich ein Glas Wasser zu holen. Als er wieder kam, setzte er sich auf
    den Sessel gegenüber vom Sofa. Seine Beine kribbelten, sein Dealer schwafelte
    irgendwas über eine neue Netflix Serie. Er überlegte, wie er diese Situation in einem
    Roman beschreiben würde. Niemals könnte er die richtigen Worte finden um seinen
    derzeitigen Zustand beschreiben zu können. Sein Herz begann zu rasen, seine Hände
    wurden schwitzig und kalt und ihm war unfassbar übel. „Was ist das für Zeug!?“, schrie er
    und steigerte sich immer weiter hinein in seinen Wahn. „Fuck man! Das ist Teufelszeug,
    nie wieder rauch‘ ich diese Scheiße!“ – Nach ungefähr einer viertel Stunde fühlte er sich
    besser und da kein Bier mehr da war, rauchten sie kurz darauf noch einen Joint. „Nie
    wieder rauch‘ ich diese Scheiße!“


    Es ist nicht nur der Rausch. Das Ritual, die Routine, die Intimität des gemeinsamen
    Konsums; alles Säulen eines maroden Tempels der Täuschung. Die Gemeinschaft, der
    Tanz, die Party. Das ist alles nur Make Up, welches das eingefallene Gesicht des Teufels
    überdeckt. Umherirrende, ruhelose Menschen, die meisten noch nicht einmal volljährig,
    suchen nach der Freiheit und nach sich selbst. Die Drogen locken mit diesem Versprechen
    und nutzen jeden noch so kurzen Moment der Unachtsamkeit um ihnen ihre eigenen,
    festeren Ketten aufzuerlegen.

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